Neues Flüssigbodenverfahren macht Kleine Lehmke sicher

Spezielles Verfahren auf Stadtoldendorfer Baustelle könnte Schule machen

Stadtoldendorf. Sieht aus wie ein getrockneter, fester Sandboden aus dem Wattenmeer, ist aber der neueste verfahrenstechnische Clou im Tiefbau: Auf der Baustelle „Kleine Lehmke“ in Stadtoldendorf wird derzeit im Zuge der umfassenden Rohrsanierung und gleichzeitigen Straßenerneuerung im Auftrag des Wasserverbandes Ithbörde/Weserbergland und der Stadt Flüssigboden zur Verfüllung der Baugruben verwendet. Ein Verfahren, dass gleich mehrere Probleme gleichzeitig löst.  

Die Kleine Lehmke hatte eine Sanierung bitter nötig. Nicht nur, dass die Asphaltoberfläche durch Beanspruchung und Witterung in den letzten Jahren gelitten hatte, auch die Kanalisation bedurfte dringend der Erneuerung. Problem dabei ist allerdings, dass sowohl Straße als auch angrenzende Grundstücke auf dem Gebiet einer ehemaligen Ziegelei mit einer angrenzenden Tonabbaukuhle errichtet worden ist, die anschließend als Entsorgungsfläche gedient hat. Die Altlastensituation ist allen Anwohnern bekannt, bei der jetzigen Öffnung mussten Stadt und WVIW aber entsprechend besondere Vorsicht walten lassen. Nicht nur deswegen wird ein nun spezielles Flüssigbodenverfahren angewendet, dass den vorgenommenen Aushub mit Wasser, Zement und einem speziellen sogenannten Compound wieder verfüllt, so dass weder große Mengen des Bodens auf eine Deponie verbracht werden müssen noch eine weitere Gefährdung von dem Bodenmaterial ausgehen kann.      

Anders als beim Beton, der das Wasser beim Abbinden wieder abgibt, ist die vom mit der Ausführung beauftragten Herrmann Meyer, Tief- und Straßenbau GmbH                                            in Stadtoldendorf verwendete spezielle Mischung des Flüssigbodens durch seine chemisch-kristalline Beschaffenheit so aufgebaut, dass sie Wasser zu 100 % bindet und den Boden komplett abdichtet. „Eine Fingerspitze Compound ist von der Oberfläche so groß wie 20 Fußballfelder“, erklärt Tobias Meyer, Juniorchef des Tuchtfelder Bauunternehmens. Durch die kristalline Beschaffenheit des Compounds sei es möglich, sämtliche im Boden vorhandene Schadstoffe, wie etwa Zink oder verschiedene Sulfate, so in dem Material zu binden, dass auch langfristig keinerlei gesundheitsgefährdende oder grundwasserverunreinigende Gefahren mehr davon ausgehen. Der Flüssigboden, der zu 97% aus dem vorhandenen Aushub besteht, muss, nachdem er in einem sogenannten Separator in eine feine Körnung verwandelt und mit allen Komponenten vermischt worden ist, noch etwa drei Minuten im Mischfahrzeug auf die endgültige Verwendungsstufe gebracht werden, bevor er als flüssiger, sandartiger Schlamm im Aushubloch jede Lücke schließt. Schon nach ca. vier Stunden ist das Ganze wieder begehbar, nach etwa zwölf Stunden hält der Boden und kann mit einer weiteren Deckschicht versehen werden. Das eingebaute Material hat dabei die Eigenschaft, auch nach der Trocknung trotz hoher Belastungstauglichkeit bei Bedarf relativ einfach mit einem Spaten wieder gelockert und aufgenommen werden zu können. Ein nicht unwesentlicher Vorteil gegenüber Beton, den man in dem Zustand dann ja nur noch mit dem Presslufthammer wieder aufstemmen könnte. Wichtig dabei ist aber die passende Rezeptur für das jeweils vorhandene Erdreich.      

Da solch ein gemischter Boden durch seine Eigenschaften und das gleichzeitige Recycling nicht nur ökologische Vorteile bietet, sondern in der Regel auch wirtschaftlicher ist, könnte das Beispiel Kleine Lehmke, wie bereits seit Jahren in Göttingen, auch hier Schule machen. „Die Verwendung von Flüssigboden ist eine interessante Alternative zu allen bisherigen Verfahren, bei denen der ursprüngliche Boden von Baustellen entsorgt wird“, meint auch Norman Treuberg. Der Hildesheimer Diplom-Ingenieur, der mit Planung und Bauleitung der Kleinen Lehmke beauftragt ist, hält Flüssigboden an vielen Stellen für viel besser geeignet als die konventionellen. Allerdings gibt es bundesweit bisher nur 90 Anlagen, die Flüssigboden herstellen können. Denn schließlich spielt momentan auch noch eine gewisse Interessenkollision mit all denjenigen Unternehmen eine Rolle, die jahrzehntelang neben der Bauausführung auch Kiesgruben betrieben haben, um die notwendigen Rohstoffe für den Straßenbau zu beschaffen. Seit Ende 2013 das Kreislaufwirtschaftsgesetz in Kraft getreten ist, das zur Einsparung von CO2 den Verbleib des Aushubs auf Baustellen unter der Voraussetzung, dass die Gegebenheiten und alle rechtlichen Vorschriften das zulassen, vorschreibt, könnte aber Bewegung in die Branche kommen. Bauunternehmer Herrmann Meyer, der als erster im Kreis Holzminden auf das neue Flüssigbodenverfahren gesetzt und immerhin 700.000 Euro in die Mischanlage sowie die dazugehörigen speziellen Arbeitssysteme investiert hat, sieht neben dem ökologischen jedenfalls auch den wirtschaftlichen Aspekt als entscheidend an. „Der Wasserverband hat mit dem Einsatz von Flüssigboden mindestens 60.000 Euro eingespart“.  Ein Aspekt, den auch WVIW-Vorstand Wilhelm Brennecke für am wichtigsten erachtet: „Die Wirtschaftlichkeit dabei zählt, das ist die Zukunft!“